Es muss 1999 gewesen sein, als Giuseppe Reichmuth spät abends in mein Hinterhofhäuschen im Kreis 4 trat, das ich damals noch kaum wagte, Galerie zu nennen. Ich konnte nicht ahnen, welche Konsequenzen sein Auftauchen für mich und ihn haben würde. Hätte ich es gewusst, hätte ich mir gewünscht, dass er schon viel früher bei mir reingestolpert wäre. Noch am selben Abend haben wir schriftlich vereinbart, dass er im darauf folgenden Frühjahr bei mir ausstellen würde. Und so kam es, wie es kommen musste. Seither haben wir drei Einzelausstellungen, eine davon im Suvretta House in St. Moritz, und zwei Gruppenausstellungen gemeinsam realisiert. Wir haben einige Gespräche und, nennen wir es einmal grundlegende, zum Schluss aber doch immer freundliche Diskussionen geführt und einige Gläschen Wein zusammen getrunken.

Als ich als junger und unerfahrener Landspund in die Grossstadt kam, waren es Künstler wie er, deren Wirken und Tun ich bewunderte, weil es das sehr protestantische und puritanische Zürich der späten Siebzigerjahre lebenswerter machte. Es war die Zeit der Bewegten und der phantasievollen Auflehnung gegen das bürgerliche Establishment. Die kulturellen Erschüt- terungen von damals, reichten bis weit über die Landesgrenzen hinaus, und das Wirken dieser Künstler hallt bis heute nach - und nicht nur in der Schweiz. Neben Giuseppe Reichmuth waren es Leute wie Ruedi Häusermann und Christoph Marthaler, die diese Zeit mit ihren eigenwilligen, humorvollen und "ver-rückten" Ideen mitprägten. Das Theater im deutschsprachigen Raum hat viele dieser Tendenzen aufgenommen und verinnerlicht. Damals wurde eine neue Theatersprache erfunden, und Zürich war eines der wichtigen Zentren. Es war die Zeit, in der das Zürcher Theater Spektakel geboren wurde.

Giuseppe Reichmuth missfallen Galeristen, und er misstraut ihnen grundsätzlich. Als er eines Tages während seiner New Yorker Zeit das Angebot hatte, in einer renommierten Galerie auszustellen, lehnte er trotz seiner finanziellen Not ab. Darum schmeichelt es mir, dass wir, seiner Abneigung zum Trotz, eine Form der Zusammenarbeit gefunden haben - und es kommt sogar vor, dass er mich "seinen Galeristen" nennt. Dann fühle ich mich schon fast geadelt.

Noch jemanden möchte ich an dieser Stelle erwähnen, um ihm meinen besonderen Dank auszudrücken: Roger Zoller. Er war für die Finanzierung und Koordination verantwortlich, und er war für mich so etwas wie der gute Geist in dem ganzen Projekt. Auch allen anderen, die am Gelingen dieses Werkes beteiligt waren, möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen.

Zürich, im Oktober 2006, Stephan Witschi

Auf sein zartes, verletzliches Wesen,

auf seine sprühende Fantasie,

auf seine listige Hinterfotzigkeit,

bin ich neidisch!

Attila Herendi, Maler (sozialistischer Realist), Baden

Für mich einer der führenden, innovativen Nichtstuer auf diesem Planeten.

Giuseppe Reichmuth ist ein grosser Meister der schwierigen Kunst, sich am späteren Morgen, eventuell sogar noch im Bett, zu überlegen, was am selbigen Tag alles erfolgreich unterlassen werden könnte. In der gewissenhaften Ausführung dieser Aufgabe unterlaufen aber auch ihm manchmal Fehler. So bleiben uns, als quasi nicht vorgesehene Betriebsunfälle, vor allem einige wunderbare Bilder, sich bewegende Objekte und Theateraufführungen erhalten. Sie zeugen von einer scheinbar schwer kontrollierbaren und offenbar ungehemmt sprudelnden Fantasie. Bemerkenswert sind auch seine musikalischen Fähigkeiten, sei es als eigenständiger Gelegenheitspianist oder als unberechenbarer Solosänger in theatralem Umfeld.

Ich persönlich schätze ihn zudem als einzigen, wirklich ernst zu nehmenden Schneekenner. Seine Kompetenz und Erfahrung in diesem Bereich sprengt spielend den von den seriösen Wissenschaften vorgegebenen Rahmen.

Anbei verrate ich noch, dass Giuseppe Reichmuth trotz seiner auf internationalem Niveau stehendenVirtuosität als Trübsalblaser ein angenehmer, geselliger und äusserst anregender Zeitgenosse ist.

Christoph Baumann, Musiker und Komponist,Wettingen

Kleine Sammlung von Betrachtungen betreffend Giuseppe Reichmuth, durchsetzt mit erfassten Originalzitaten:

So kenne ich Giuseppe: als Beobachter, der beobachtet, wie er sich beobachtet.

"Ein Jammer jagt den andern." G. Reichmuth

Er freut sich wie ein Erwachsener, wenn seine komplizierten Rückkoppelungen sich in einfachste Gebilde auflösen. In Muster ohne Wert.

"Ich bin meiner Zeit ca. 1,5 Jahre voraus." G. Reichmuth

Giuseppe ist ein Avantgardist, der den Kontakt zu den Bodentruppen nie verloren hat.

"Meine Stärke sind die Konter. Da bin ich schnell und besitze phänomenalen Abstauberinstinkt."G. Reichmuth

Seine Abstossungskraft ist fast grösser als seine Anziehungskraft. Aber nur fast!

"Endlich einer, der ohne Wenn und Aber sagt, was ich denke." G. Reichmuth

Der sich genussvoll schwer belastende Giuseppe als liebevoller und witziger Vermittler derschwerelosen Welt.

"Das Leben muss ein Leben lang weitergehen." G. Reichmuth

 

Eigener Witz, erfunden für Giuseppe Reichmuth:

"Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht."
"Welche willst du zuerst hören?"
"Die gute!"
"Die gute Nachricht ist, dass ich die schlechte vergessen habe."
"Und die schlechte Nachricht ist, dass ich die gute vergessen habe."

Ruedi Häusermann, Musiker und Theaterregisseur, Lenzburg

Kurzfilmvignetten

Aus grosser Distanz meiner vierzigjährigen Abwesenheit lässt sich Giuseppe Reichmuth am besten mit Kurzfilmvignetten würdigen, die sich, nach Belieben zusammengeschnitten, gesamthaft zu einem Lebenswerk besonderer Art (Kunst) vereinen. Dutzende von ihnen sind auf der Erinnerungsbank gespeichert, und, wie es sich gehört, alphabetisch und thematisch geordnet, etikettiert und datiert. Gelegentlich kommen neue Filmstreifchen dazu, meistens bei Besuchen im Studioheim an der Bäckerstrasse ergattert, und sie bereichern und vertiefen das Gesamtbild, stellen es aber im Wesentlichen nicht mehr in Frage oder gar auf den Kopf.

Wenn es den Kunstmaler Reichmuth zu zelebrieren gälte, ausschliesslich den Mann vor der Staffelei, der malt und malt und Bilder produziert und sich mit seiner exotisch anmutenden Perspektive des Sehens und Durchschauens ein OEuvre erarbeitet, dann gäbe es meine Filmcollagen nicht, dann könnte ich nicht ins Kino gehen. Das Durchblättern der Kataloge und Kunstkarten oder, wenn es sich endlich ergäbe, der Besuch einer Ausstellung würden dafür genügen. So aber sind die Erinnerungen nicht festgesetzt, in solch kompakter Verfassung ist mir Giuseppe noch nie begegnet. Hier, als Zitat, der Kurzfilm über linguistische Zauberei, gedreht in frühen Jahren am Zürcher Seebecken, in Paris, Brooklyn und upstate New York, wo das richtige Amerika erst beginnt:

"Beim Besuch einer Weinausstellung auf dem Schiff als russischer Austauschstudent, soeben aus Smolensk eingetroffen, meine Rolle die des Dolmetschers, verfügt Yossip über ein unerschöpfliches Arsenal von Reaktionen auf die Weinproben, und die Übersetzung wird überflüssig: Dieser Wein ist erfrischend ehrlich, jener hellwach und frech, der Weisse hier sinnlich wie der heutige Frühlingstag! Yossip wird herumgeführt, mit Seidenhandschuhen behandelt, als Ehrengast gefeiert! In Pariser Geschäftsräumen erklärt der junge Schweizer Grafiker, mein Geschäftspartner, die Entwürfe im nahtlos gelieferten Französisch, die sprachliche Wendigkeit der Stadtpariser präzis erfassend. Zugegeben, Monsieur Reichmuths rapider Wörterstrom ist mit Französisch durchspickt, aber es sind die Gesten, die verworfene Hand hier, die beschwörende Andeutung dort, die einwand freie musikalische Intonierung der Sprache, welche überzeugen; die Pariser schauen sich verdutzt an und voilà, das Konzept ist verkauft. In Brooklyn, New York, dem Mekka des Sprachengewirrs, verwandelt sich Giuseppe in den Chinesen, den Puerto Ricaner, den Iren und den Jamaikaner; er findet die Stimme des einarmigen Bettlers und die des Türwächters mit napoleonischem Grössenwahn; jetzt, vor der Kirche des heiligen Antonius in Little Italy, schlüpft er in die Kutte des demütigen Kapuziners und verkündet das Wort: Manchmal sehen wir Gottes Zukunft, manchmal sehen wir nichts. Bewahre uns, Herr, wenn die Zweifel kommen; dann nur zu glaubwürdig, stottert er als Erfrieropfer im unerbittlichen Ostküstenwinter. In einer Spelunke upstate, wo Argumente noch mit Kinnhaken beigelegt werden, bestellt Giuseppe den Scotch mit dem perfekten Akzent des Südstaatlers, so dass die Barmaid, die falschen Blondhaare hochgetürmt, ihren heftigen Rumpf brüsk um die Achse wirft und atemlos fragt: "Honey, sweetheart, where're you from?"

Die Kurzfilmkategorien schliessen das Theater mit ein, auch die Malerei natürlich, Ideen, Skizzen, Vorschläge fürs Fernsehen, Strassenkomödien, Auftritte als Clown, Heiler, Wundermann und, ohne Absicht, als stand-up comedian in x-beliebigen Situationen.

Liessen sich diese diversen Manifeste und Ausdrücke, mit angeborenem Talent so glaubwürdig präsentiert, in eine Form giessen, so dass, wie eine lebensgrosse Skulptur, der Künstler und Lebenskünstler Giuseppe Reichmuth en bloc verstanden und geehrt werden könnte? Aus meiner Sicht ein unnötiges Vorhaben, weil die Summe der frei schwebenden Einzelteile ein dichteres Netz wirft als die Vorstellung des kompakten und geklärten Kunstschaffenden.

Ist es vorstellbar, dass Reichmuths Bilder, seine tiefe Menschlichkeit zu widerspiegeln vermögen, den universalen Humor, unschuldig, absurd, tragisch, den künstlerischen Werdegang, schon immer getragen von seltenem und seltsamem Talent, auch die eigenwillige, selbstgeschmiedete Weltanschauung? In der gegebenen Pflichtübung, beurteilen und klassifizieren zu müssen, sollen die Kunstkritiker zu Wort kommen; im Bereich der Magie, Fantasie und Illusion erübrigt sich die Frage.

Oscar Schnider, Designer und Autor, Accord, New York