Vom Eise Befreit (Das bildnerische Werk von Giuseppe Reichmuth)

Text von Thomas Bodmer

Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) war der Traum jedes Interviewers. Man konnte ihm beim Denken zuhören, und selbst wenn er wiederholt über denselben Gegenstand sprach, versuchte er diesen jedes Mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, noch genauer in den Blick zu bekommen. Das macht die bei Diogenes in vier Bänden erschienenen "Gespräche 1961-1990", die insgesamt 1296 Seiten umfassen, bis heute faszinierend. Gern sprach Dürrenmatt über Gott und die Welt, doch über zwei Dinge mochte er spätestens Ende der Siebzigerjahre nicht mehr reden: über den "Besuch der alten Dame" (1956) und "Die Physiker" (1962), seine beiden bekanntesten Theaterstücke. Er wolle nicht darauf "verhaftet" werden, sagte er, und er bestand auf dem Wort "verhaften" statt "behaften".

Giuseppe Reichmuth (*1944) ist der Albtraum jedes Interviewers. Spricht man ihn auf einen bestimmten Gegenstand an, springt er so schnell wie möglich zu einem anderen, will man Genaueres wissen, Namen oder Daten gar, erinnert er sich nicht. "Marie-Theres, nicht die Skifahrerin", erweist sich beim Nachhaken als Mutter Teresa.

Die wenigsten von Reichmuths Bildern haben einen Titel, zwei aber sind dermassen bekannt geworden, dass sie heute gleichsam Volksgut sind: Massenhaft Menschen kennen "Zürich Eiszeit" (1975) und den "Dinosaurier auf der Autobahn" (1980), wissen aber nicht, wer sie gemalt hat. Und wenn sie es wissen, fragen sie: "Reichmuth? Malt der noch?"

Doch, doch, er malt. Freilich fast nie mehr so fotorealistisch wie in den beiden Bildern, auf denen er so gern "verhaftet" wird. Das seien "Ideenbilder" gewesen, sagt Reichmuth: "Die hatte ich von Anfang an ganz klar im Kopf und musste ich dann nur noch ausführen. Das ist ein rein technischer Vorgang und ein bisschen langweilig." Viel mehr interessieren ihn Bilder, bei denen er sich vom Material inspirieren lässt und wo auch der Zufall ins Spiel kommt. Da werde er zur "Materialsau", sagt der Maler: "Da suhle ich mich im Material und schaue, was passiert." Dann arbeitet Reichmuth nicht auf ein Ziel hin, sondern lässt sich von der Intuition und seinen Einfällen leiten.

Dazu meint Friedrich Dürrenmatt, der neben dem Schreiben zeitlebens auch malte: "Der Einfall ist vollkommen spontan, ich fabuliere drauflos. Das ist wie beim Schach: In der Wahl der Eröffnung ist man völlig frei, dann determiniert die Partie sich selbst mehr und mehr." (Friedrich Dürrenmatt: "Gespräche 1961-1990" [im Folgenden zitiert als FDG], Band 1, S. 205) Weiter: "Solange ich schreibe, bin nur ich da und der Stoff. (...) Beim Schreiben soll man nicht an Wirkung, Publikum oder an Philosophien, sondern man soll überhaupt nur an den Stoff denken." (S. 227) Und er schliesst: "Ich glaube, wenn man genau sagen könnte, was man mit einem Theaterstück sagen will, würde man es nicht schreiben. Auch Shakespeare wüsste ausserhalb des Textes nicht zu sagen, was er mit 'Hamlet' oder irgendeinem anderen Stück gewollt hat. Man ist durch ein Geschehen gepackt, durch eine Fiktion, die man aufgestellt hat, und was das nun alles bedeutet, interessiert den Autor während des Schreibens eigentlich nicht. Man hat plötzlich verschiedene Punkte, man kommt zu ganz merkwürdigen Resultaten und überlegt erst nachträglich, was man jetzt eigentlich geschrieben hat." (S. 241) Danke, Herr Dürrenmatt.

Genau das, was den Interviewer von Giuseppe Reichmuth die Wände hochtreibt, erfreut den Betrachter: Die Materialsau-Bilder sind dermassen vielschichtig und mehrdeutig, dass man sie immer wieder anschauen kann. Im Gegensatz zu den Ideenbildern hat man sie nie "leer-geguckt". Insofern ist ein solches Bild eine sehr gute Investition: Man kauft eines und entdeckt darin im Lauf der Zeit lauter neue.

Das Material hat bei Reichmuth von Anfang an eine grosse Rolle gespielt. So hat er 1960 während seiner Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Zürich ein Ölbild gemalt: "Ich habe immer wieder so pft-pft mit dem Spachtel dran gezogen", erzählt er: "Das ergab eine Struktur und ging im Gegensatz zu anderen Bildern verblüffend schnell. Das faszinierte mich. Ich signierte das Bild mit 'Sepp Reichmuth', so hiess ich damals noch, und schenkte es meiner Mutter."

Weniger glücklich verlief die Auseinandersetzung mit den Materialien bei einem direkten Vorläufer von "Zürich Eiszeit": "Für 'Aarau in der Eiszeit' mischte ich frech und laienhaft Techniken, die man nicht mischen darf", lacht er heute, "nämlich Öl und Gouache. Das Eis trug ich mit viel Deckweiss ganz dick auf das Öl auf. Nach zehn Jahren sprangen die Farben, zerbröckelte das Bild."

Was blieb, war die Idee einer Postkarten-Serie mit Ansichten verschiedener Städte, z.B. New York mit einem 30 Meter höher liegenden Wasserspiegel, also den Strassenschluchten voll Wasser; und dann eben das gefrorene Seebecken von Zürich. "Ich wollte nicht grundsätzlich fotorealistisch arbeiten", erklärt Reichmuth, "sondern ich sah ein ganz bestimmtes Bild vor mir und fragte mich: 'Wie kann ich das am besten umsetzen?' Ich wollte, dass man sofort sieht: 'Ah, Zürich, eine Postkartenansicht.'"

So also entstand 1975 "Zürich Eiszeit" in der Technik Gouache auf Pavatex. Aus der Postkarten-Serie wurde allerdings nichts: "Ich hatte ziemlich lang an der 'Eiszeit'", erzählt der fleissige Maler, "und begriff, dass ich wohl fünf Jahre lang an diesen Stadtansichten malen müsste. Mir reichte es aber schon nach diesem einen Bild."

Der Zürcher Albert Ernst vom Fabrikatelier am Wasser druckte Postkarten und Plakate davon. Das Bild wurde ungeheuer populär, ja sogar zu einem Schlüsselbild der Zürcher Achtzigerbewegung, deren Kampf dem "Packeis" galt. Abgesehen von Caspar David Friedrichs "Eismeer oder Die gescheiterte 'Hoffnung'" (1821) tauchte "Zürich Eiszeit" in Organen wie "Eisbrecher" und "Stilett" am häufigsten auf, erzählt der Autor und ehemalige Bewegte Christoph Schuler.

Am 4. Juli 2004 erschien in der "NZZ am Sonntag" ein Artikel über die Begegnung des sehbehinderten Thomas Merten mit der gehörlosen Margot Halter. Auf dem Foto ist zu sehen, wie Herr Merten Frau Halter sein Lieblingsbild zeigt: Es ist Reichmuths "Zürich Eiszeit". Jedoch weder im Artikel noch in der Bildunterschrift steht, wer das Bild gemalt hat. Es ist, wie gesagt, Volksgut geworden.

Dies gilt in noch stärkerem Masse für den "Dinosaurier auf der Autobahn" (1980). "Das war ursprünglich eine Auftragsarbeit", erzählt Reichmuth: "In Basel fand die Ausstellung 'Grün 80' statt, und da hatten die auf einem Hügel einen Dinosaurier gebaut. Albert Ernst vom Fabrikatelier am Wasser fragte mich, ob man das nicht malerisch als Poster für 'Grün 80' umsetzen könnte. Ich hatte sogleich die Idee von einem Dinosaurier auf der Autobahn, also in der Jetztzeit, und von dem Verkehrschaos, das da entstehen würde."

Es dauerte dann seine Zeit: "Tatsächlich war das Poster erst fertig, als die 'Grün 80' bereits vorbei war", glaubt der Künstler sich zu erinnern. Der Mann, der das grüne Dreirad links im Bild steuert, ist übrigens Christoph Baumann, der Musiker und Gründer des "Jerry Dental Kollekdoofs".

Die amerikanischen Rechte an dem Bild verkaufte Albert Ernst für 4000 Franken. "Wir dachten, es gehe einfach um das Poster, und teilten den Betrag fifty-fifty", erzählt der Urheber des Bilds: "Ein paar Jahre später kamen Leute aus den USA zurück und sagten, sie hätten den Dinosaurier nicht nur als Poster gesehen, sondern auch auf T-Shirts und an einem Ort sogar auf einer Hauswand." Jemand dürfte an dem Bild viel Geld verdient haben. Doch dieser Jemand war nicht Giuseppe Reichmuth.

Das ärgerte ihn aber offenbar nicht allzu sehr, ja es scheint sogar, als sei Geld knappheit für ihn eine Beglaubigung seines Künstlerdaseins. Er habe zehn Jahre lang als Grafiker gearbeitet, um Geld zu verdienen, sagt er heute. Er sei rasch aufgestiegen zu dem, was damals "Atelierchef" hiess und heute "Art Director" genannt werde, habe Oldtimer besessen, aber gespürt, dass "diese Welt des Geldes und die Leute darin mir nicht gefielen". Dann lernte er die Leute vom Badener Theater Claque kennen: "Da sah ich dann, wie die für 1600 Franken im Monat rund um die Uhr arbeiteten, selber inszenierten, selber spielten, auch noch die Bühnenbilder selber machten, weil sie sich keinen Bühnenbildner leisten konnten. Die arbeiteten mit Elan, Herzblut, Idealismus, machten tolle Sachen, und so rutschte ich in diese Welt hinein."

Eine Zeit lang versuchte Reichmuth, beide Welten unter einen Hut zu bringen: Geld zu verdienen in der Werbung und dafür der Claque gratis ein Bühnenbild zu machen. Doch dann entschloss er sich, nur noch freischaffender Künstler zu sein: "Ich hörte auf, auf grossem Fuss zu leben. Ich wusste: 'Jetzt ist fertig mit Autos'", erzählt er heute: "Ich bin stolz darauf, dass ich mit zweiundsechzig Jahren von Miete zu Miete hüpfen muss. Ich glaube, ich brauche das ein bisschen, diesen Kick, nie zu wissen, ob mein Geld für den nächsten Monat noch reicht. Immer haarscharf zu kalkulieren." Er räumt allerdings ein: "Das zehrt, das verbraucht viel Energie."

Nicht nur von Miete zu Miete und von Gesprächsthema zu Gesprächsthema hüpft Reichmuth gern, sondern wie es der Galerist Stephan Witschi einmal formuliert hat: "Er versteht es, gerade in diesen Momenten des Lebens unterzutauchen, wo sich das Schicksal seiner annehmen will." Anders gesagt: Immer dann, wenn etwas gut läuft, steigt Reichmuth aus. Das war schon in seinen Grafikerzeiten so: Sobald man ihm in einer Firma anbot, Atelierchef zu werden, kündigte er und ging zu einer anderen Firma. Warum eigentlich?

"Das weiss ich auch nicht", sagt der Abbrecher: "Vielleicht ist das bei mir nicht der innere Schweinehund, sondern ein innerer Aufrechter, der sagt: 'Das darfst du nicht tun, das ist pfui!'" Hätte Reichmuth nach "Zürich Eiszeit" und dem "Dinosaurier auf der Autobahn" weiterhin fotorealistische Ideenbilder gemalt, hätten sich die Leute seinen Namen gemerkt, und er wäre reich und berühmt geworden.

"Das sind unmittelbar einleuchtende, auf Wirkung angelegte Bilder. Das weiss ich als ehemaliger Werbefritze. So was gefällt den Leuten", sagt Reichmuth: "Bei meinen heutigen Ausstellungen sehe ich, dass die Leute oft schnell durchgehen, weil sie etwas anderes erwartet haben. Umso mehr freut es mich dann, wenn jemand etwas haben will, was feiner ist, versponnener, wo noch kleine Sächelchen reingekratzt sind. Bilder, die nicht plakativ sind, sondern die man lange anschauen muss, damit man alles sieht. In der Werbung hingegen muss alles innerhalb von zwei Sekunden funktionieren. Das zu können steckt immer noch in mir drin, aber ich habe mich immer mehr davon zu lösen versucht."

Dem Fotorealismus hat Reichmuth nicht etwa abgeschworen. Von 1998 stammt ein Doppelbild, Öl auf Papier. Da sehen wir auf dem ersten Blatt, minutiösestens gemalt, einen Schwamm, wie er aus dem Meer kommt. Er habe mal wieder Lust gehabt, ganz genau zu arbeiten, sagt der Künstler. Wie er die Struktur des Schwammes und all seine Schattierungen hingekriegt hat, das macht ihm so schnell keiner nach.

Auf dem zweiten Blatt sieht man zunächst nur ein braungelbes Geschmier. Bei genauerem Hinsehen freilich erkennt man oben und unten erneut die Struktur eines Schwammes. Ja, sagt Giuseppe Reichmuth, da habe er eben den Schwamm, der ihm als Modell gedient habe, mit Terpentin getränkt und sei damit über das Bild gefahren. Der Schwamm hat also sein eigenes Abbild weggewischt. Nein, "Schwamm drüber" habe er das Bild nicht nennen wollen, das wäre ihm zu simpel gewesen. Deswegen gebe er seinen Bildern ohnehin fast nie Titel, denn diese würden eine bestimmte Interpretation festschreiben. Ihm sei aber wichtig, möglichst viele Deutungsmöglichkeiten offen zu lassen.

Für Reichmuth'sche Verhältnisse geradezu offensichtlich politisch wirkt das Bananenbild. Das sei nach dem Mauerfall entstanden, 1989/90. "Oder doch nicht? Verrückt, dass ich das nicht mehr weiss." Er habe lange daran gemalt. "Als ich anfing, wusste ich nicht, was daraus würde. Ich malte auf zusammengeknülltes Papier, das ich wieder glättete. Das ergab eine zufällige Struktur, die mir gefiel und die ich als Basis nahm. Angefangen hat das Bild, glaube ich, mit diesem grossen Tisch, um den die Leute sitzen. Bald einmal kam die Banane auf den Tisch. Dann kam mir die DDR in den Sinn: dass für die armen Kerle eine Banane ein Festessen war, während sie bei uns praktisch nichts kostet, einem geradezu nachgeschmissen wird."

Hier also verwandelte sich ein Materialsau-Bild in ein Ideenbild: "Ich arbeitete mit ganz simplen Klischees: Der Kopf des einen, der am Tisch sitzt, ist aus einer 'Kellogg's Frosties'-Packung. Das hätte auch 'Coca-Cola' sein können. Das war, plump gesagt, der Kapitalismus." Das Gegenstück dazu ist dann die Seite aus der "Pravda".

Auf die Frage, ob er mit diesem Bild etwas habe sagen wollen, antwortet Reichmuth: "Ich glaube schon, ja." Aber auch: "Ich wollte nicht ein solches Bild machen. Es ist so entstanden. Es kam mir fast ein bisschen plump vor mit diesen Klischees. Ich wollte es fast schon wieder übermalen."

Wie der Berliner Michael Sowa, der Schöpfer des altmeisterlich gemalten, in einen Teich springenden Schweins, gehört auch Reichmuth zu den gefürchteten Malern, für die ein Bild nie fertig ist und die am liebsten noch daran herumpinseln, wenn es bereits in der Ausstellung hängt. "Die nicht plakathaften Bilder sind eigentlich nie fertig", gesteht Reichmuth: "Ich bin richtig froh, wenn jemand kommt und sagt: 'Das gefällt mir.' Dann denke ich: 'Also gut, dann ist es jetzt fertig.'"

Eines dieser ewigen Werke ist das gigantische Bild, vor dem sitzend der Künstler zu sehen ist. Mit der Mütze, die nur Augen und Mund freilässt - einer so genannten "Hasskappe" -, wirkt er unheimlich, wie ein Vergewaltiger oder ein Terrorist. Dass er ein Schild um den Hals trägt, spricht allerdings eher dafür, dass er das Opfer von Terroristen ist, man denkt an Fotos von Martin Schleyer als Gefangenem der RAF. Tatsächlich steht "Brooklyn/Dec. 94/35° F" darauf. Er habe zeigen wollen, dass es im Atelier 1,7° Celsius kalt gewesen sei, sagt der Maler. Das war beim zweiten New-York-Aufenthalt 1994/95. "Da hatte ich ein Riesenatelier und dachte: 'Wenn schon ein grosses Atelier, dann male ich auch ein grosses Bild.'" 280 x 440 cm gross ist es geworden, Fussabdrücke verraten, dass der Künstler barfuss darauf herum gestanden hat.

Das Atelier kostete monatlich 700 Dollar. Als Reichmuth davon hörte, war er in Genua und hatte noch rund 10 000 Franken auf dem Konto. Beim ersten New-York-Aufenthalt 1987/88 war er mit seinen gesparten 20 000 Franken exakt ein Jahr lang durchgekommen. Aber sieben Jahre später mit 10 000 Franken durchkommen zu wollen war illusorisch. Er rief einen Badener Kunstfreund an, der ihm 1980 bereits das "Dinosaurier"-Original abgekauft und ihn immer wieder gefördert hatte, schilderte ihm sein Problem, und der Mann erklärte sich sofort bereit, die Kosten für das Atelier zu übernehmen, im Austausch gegen Bilder.

Es gehört zum Reichmuth'schen Lebenskonzept, mit möglichst wenig Geld auszukommen. Von 1989 bis Frühling 2006 arbeitete er immer mal wieder an jenem Bild, auf dem heute "Es ist nicht so gut mit Geld, wie es schlecht ist ohne" steht, ein jiddisches Sprichwort und Reichmuths Lieblings spruch. Dass er seit 1989 an dem Bild arbeitet, lässt sich daraus erschliessen, dass es in einer Moskauer Galerie hing. Denn 1990 war Reichmuth, der damals im Tessiner Dorf Curio lebte, zusammen mit fünf Tessiner Künstlern nach Moskau gereist. Auf dem Bild kleben nicht nur Münzen, z. B. ein amerikanischer Quarterdollar als Autorad oder ein deutscher Pfennig als Kopf eines Männchens, sondern da klebt auch eine Dollarnote, und die versuchte in der Moskauer Galerie jemand abzulösen. 

Einen Monat lang lebte Reichmuth in Moskau im Haushalt des Künstlers Constantin Pobiedin: "Das war eine Dreizimmerwohnung, wo Constantin, seine Frau, ihr Kind und seine Schwiegereltern wohnten. Während ich dort war, schlief das Kind bei den Eltern im Zimmer, ich im Kinderzimmer und die Schwiegereltern im Wohnzimmer. Dort stand tagsüber ein Tisch, nachts holten sie ein Bett hervor. Hauptwohnraum war aber die Küche. Die war sehr klein, aber da waren manchmal dreissig Leute drin." 

Das sei schön, aber "fast ein bisschen zu familiär" gewesen, meint Reichmuth. Er ist der Inbegriff des Einzelgängers und litt darunter, dass er in Moskau fast nie allein unterwegs sein konnte. Als er es trotzdem tat, verfasste Pobiedin einen langen Begleitbrief, den Reichmuth im Notfall einem Polizisten hätte geben können. Mit Polizisten hatte er dann auch bei einer Aktion zu tun, die er auf dem Roten Platz veranstaltete: "Constantin und Sergiej Bazilev halfen mir, ein Transparent zu machen, auf dem auf Russisch geschrieben stand: 'Freiheit für die Schweiz'. Das war etwa drei Meter breit. Kaum haben wir es auf dem Roten Platz hochgehalten, kamen von überall her Polizisten." 

Die drei mussten das Transparent wieder einrollen, doch weiter geschah nichts. "Das war nicht so eine brisante Aktion, wie wenn man sie zur Zeit von Breschnew gemacht hätte", gesteht Reichmuth: "Wir wollten einfach noch mal was erleben, ein bisschen provozieren. Allerdings schrieben wir nicht 'Freiheit für die Sowjetunion', sondern 'Freiheit für die Schweiz'." 

Direkt vom Moskau-Aufenthalt inspiriert worden ist keines von Reichmuths Bildern. Ohnehin weiss er selten, woher seine Ideen kommen. Auch hier gibt es wieder die parallele Erscheinung bei Dürrenmatt, der sich 1975 mit Max Frisch verglich. "Max Frisch war für mich faszinierend, weil er immer von seinen persönlichen Eindrücken und Erlebnissen ausging; und faszinierend war, dass das, was er mir erzählte, fast wörtlich in seinen Schriften wiederkam." (FDG, Bd. 2, S. 153f.) Frisch arbeitete demnach wie ein Maler, der nach der Natur malt. Etwas, was Reichmuth im Vorkurs der Kunstgewerbeschule gern und gut gemacht hatte. "Etwas abzeichnen nur mit Bleistift, da war ich der Beste der Klasse: Wenn die Aufgabe hiess, einen Gummi, ein Glas, ein Stück Holz, Watte, also verschiedene Materialien so genau abzuzeichnen, dass ihre Materialität erkennbar wird. Das habe ich wahnsinnig gern gemacht. Da versank ich in diese Welt." 

Heute seien seine Bilder jedoch "Sammelsurien von Gefühlen und Erlebnissen, die so weit zurückliegen, dass ich nicht mehr weiss, was und wann. So mischt sich alles, kommen die verschiedensten Ideen zusammen und brechen manchmal so aus einem Bild hervor, dass ich erschrecke, weil ich mir dessen nicht bewusst war." Analog dazu Dürrenmatt: "Alles, was ich erlebe, was mir vorkommt, sinkt wie in ein Dunkel zurück und kommt dann verwandelt, als eine ganz fremde Gestalt wieder, in der ich mich erst viel später wiedererkenne." (FDG, Bd. 2, S. 154)

Wie Frisch brauche auch er Erlebnisse, aber um sie "absinken zu lassen in eine Mitte, die ich nicht kenne, aus der dann etwas ganz Verwandeltes herausstösst". Die Erlebnisse müssten erst zu "Sedimenten" werden, damit er etwas daraus formen könne. Er müsse sie vergessen: "Dieses Vergessen, dieses Sinken ins Unbewusste, ins Instrumentarium meiner inneren Vorgänge, das ist wohl einer der wichtigsten Abläufe meines Arbeitens." (FDG, Bd. 2, S. 155) Und noch ein anderes Bild: Frisch funktioniere wie "ein Stern, der seine Materie unmittelbar verwandelt, der alles schlackenlos in Strahlung umsetzt. Bei mir hingegen: zu viel Masse, und die Strahlung wird in diese Masse hineingezogen; es zieht alles in dieses Zentrum hinein, und das Zentrum ist schwarz, ein Loch." (FDG, Bd. 2, S. 156) 

Der Künstler als schwarzes Loch, eine Vorstellung, die Giuseppe Reichmuth behagen dürfte. Die Farbe Schwarz hat bei ihm immer eine wichtige Rolle gespielt, doch obschon er so sprunghaft ist, dass man bei ihm keine klare Entwicklung feststellen kann, bekommt er öfters zu hören, seine neueren Bilder seien düsterer als die früheren. Das will er nicht wahrhaben: "Düster? Für mich gibt es das nicht. Ich mag Schwarz." Handkehrum erzählt er, nach der Arbeit mit Ruedi Häusermann an der "Ersten Grossen Freiluftgesamtkunst-Lesung im Prater-Garten" sei er im Frühling 1995 Hals über Kopf aus Berlin nach Zürich zurückgekehrt: "Ich hatte mich unglücklich verliebt und verliess Berlin schwer verletzt. Ein, zwei Jahre lang habe ich nur vegetiert, mich gefragt: 'Was mache ich in diesem Zürich? Was soll das Leben?' Und während dieser Zeit habe ich düstere Sachen gemalt." 

Doch auch dem "Schlechtgehen" kann er, zumindest hinterher, etwas abgewinnen: "Mit dem Schlechtgehen ist es wie mit dem Wetter. Man sagt: 'Jetzt ist das Wetter schlecht.' Oder: 'Jetzt ist das Wetter schön, denn es regnet nicht.' Dabei ist Regen etwas Schönes; wenn man dafür angezogen ist, ist er ein Erlebnis. Ich betrachte auch die Stimmungen im Leben so." Und: "Ich erlebe Verzweiflung eher als erfrischend. Ich spüre mich dann sehr gut. Wenn ich eine Wut habe, dann denke ich: 'Oh, es lebt.' Natürlich ist es im Moment sehr unangenehm. Aber bei mir geht es in der Regel nicht lang. Dann muss ich über den Wutanfall schmunzeln."

Jedenfalls entstand in dieser Phase, 1995/96, das "Blatt der Verzweiflung". Reichmuth: "Da gibt es beim Flügel auch ein Loch im Papier, das habe ich in der Wut gemacht. Dort ist das Papier verletzt. Wenn ich allerdings diese Gesichtlein und die blöden Köpfe anschaue, dann bin ich wieder zufrieden." Dürrenmatt wurde wiederholt vorgeworfen, negativ, "nihilistisch" zu sein, nichts ernst zu nehmen und Verzweiflung zu predigen. Dem entgegnete der Schriftsteller, er weigere sich, "die Welt als etwas Heiles hinzustellen. Die Welt war nie heil. (...) Die Gegenwart sichtbar machen heisst, ihre Fragwürdigkeit sichtbar machen. Die grösste Art, sie sichtbar zu machen, ist durch die Komödie. Humor heisst nicht, einverstanden zu sein mit der Welt, sondern sie als das zu akzeptieren, was sie ist - als etwas sehr Fragwürdiges -, aber nicht daran zu verzweifeln." (FDG, Bd. 1, S. 225) Und: "Humor ist eine der philosophischen Grundhaltungen des Menschen und ist gerade nicht Verzweiflung." (FDG, Bd. 1, S. 243) 

Das Reichmuth'sche Werk ist so vielfältig, dass der Künstler selbst nicht weiss, was er sei: "Ich habe mich nie so als Künstler gefühlt. Ich habe da einen kleinen Komplex: Ich war Grafiker, Illustrator, und jetzt mache ich Bilder. Aber ich komme mir nicht wie ein Maler vor." Eher empfindet er sich als "Bastler, Erfinder". Doch eines ist in allen Reichmuth'schen Werken, aber auch in der persönlichen Begegnung mit dem Künstler spürbar: Humor als Lebenshaltung. 

Sein grösstes Ziel sei, den Humor bis zu seinem letzten Atemzug zu behalten, sagt Reichmuth, und er weiss, wovon er spricht: Nach Abschluss seiner Grafikerlehre bei Beny Olonetzky  ging er für ein Jahr nach Paris mit der Absicht, dort als Grafiker zu arbeiten. Nach sechs Monaten brachen Reichmuth & Co jedoch die Übung ab, und so arbeitete er im Hôpital Saint-Michel als Pfleger von Krebskranken: "Wir betreuten Sterbende, das war die letzte Station. Das habe ich nur ein paar Monate gemacht, aber das war ein sehr beeindruckendes Erlebnis. "Jahrzehnte später sollte er auch eine an Krebs sterbende ehemalige Mitschülerin aus der Zeit der Kunstgewerbeschule betreuen. 

In Paris lernte er ausserdem, mit wenig Geld auszukommen: "Ich verdiente 600 Francs im Monat. 300 kostete meine Dachkammer, so hatte ich noch mal 300 zum Leben." In Paris sah er auch seinen ersten transparenten Spiegel. "Der Hauseingang war eine Art Spiegelgalerie, die in der Regel hell beleuchtet war. Doch einmal brannte da kein Licht, und da sah ich durch einen der Spiegel die Concierge in ihrem Kabäuschen hocken, weil es bei ihr heller war als im Eingang." 

Diesen Effekt machte sich Reichmuth fast vierzig Jahre später zunutze, als er seine Magische Spiegeluhr austüftelte, um einen Ustermer Wohnungseingang mit Oberlicht interessanter zu gestalten: Auf der Innenseite des Oberlichts, dessen Scheibe Reichmuth durch einen transparenten Spiegel ersetzte, befindet sich eine Uhr, die keine Ziffern hat und deren Zeiger rückwärts laufen. Auf der Aussenseite des Oberlichts sind nur die Ziffern einer Uhr an die Wand gemalt. Schaltet man auf der Aussenseite ein Licht an, sieht man durch den Spiegel die Ziffern, während die rückwärts laufenden Zeiger gespiegelt werden und in der Kombination das Bild einer vorwärts laufenden, scheinbar ganz normalen Uhr entsteht. 

"Wenn ich auf so etwas komme, dann lebe ich auf, habe das Gefühl, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben. Dann habe ich ein Hoch", erzählt der Erfinder. So war es auch, als er ein Paar aus Draht erfand, das dank einem Uhrwerk in einer nicht enden wollenden Stehpartie begriffen ist; oder dann die ebenfalls von einem Uhrwerk bewegte Skulptur "Follow Me": Ein in einer Drahtschlinge schaukelndes Erdnüsschen folgt einem kleinen schwarzen Schild, auf dem "Follow Me" steht. Das Erdnüsschen kommt dem Schild immer nahe, aber nie an es heran. Die Skulptur ist auch schon beziehungskritisch gedeutet worden, ganz im Sinne des Satzes von Robert Gernhardt aus "Die Magadaskar-Reise": "Frauen und Männer - wie viel liesse sich über dieses Thema sagen, wüsste man nur etwas." 

Zu den Reichmuth'schen Erfindungen gehört auch das "Eck-Tischlein", das beim ersten New-York-Aufenthalt 1987/88 entstand. Im Foyer eines Wolkenkratzers hatte der Schweizer Künstler eine 7 Meter hohe Skulptur von Roy Lichtenstein gesehen und gedacht: "Für so einen Raum würde ich auch gern mal etwas machen." Als er in seinem nur 2.40 Meter hohen kleinen Atelier sass, spielte er mit Papier herum und kam auf die Idee, ein Kunstwerk für diesen Raum zu schaffen. Es besteht aus drei Teilen und funktioniert nach dem Prinzip der Kippfigur: Steht man im richtigen Abstand darunter, wirkt die Stuhllehne gerade und springt die Perspektive um: Der hinterste Punkt des Tischchens wird plötzlich als der dem Betrachter nächste wahrgenommen. 

Nun ist es nicht so, dass Reichmuth zuerst Bücher über Trompe-l'oeil-Malerei und Kippfiguren gewälzt hätte. Nein, er braucht das Gefühl, alles selbst zu erfinden. Er schaut sich deshalb auch kaum Bücher über andere Künstler an und geht selten in Ausstellungen. Das gilt sogar für Leute wie René Magritte oder M.C. Escher, denen er in seinem Werk mehrfach die Reverenz erwiesen hat, sowie für Geistesverwandte wie Kaspar Fischer. "Blättere ich in so einem Buch, bin ich nach kurzer Zeit todmüde", gesteht Reichmuth: "Magrittes Bilder sind so bedeutungsschwanger und aussagekräftig, dass ich sie nicht lange anschauen kann. Auch aus Ausstellungen muss ich nach spätestens einer Stunde raus, weil ich da in eine Riesenwelt eindringe, vor der ich so grossen Respekt habe, dass ich mich klein fühle, gelähmt werde. Da geh ich lieber in meine eigene Welt. Die andere ist mir zu gross."

Während andere Leute nach New York gehen, weil sie dort etwas erleben wollen, erzählt Reichmuth: "Ich habe es in New York wahnsinnig genossen zu wissen, dass ich in einer Kulturmetropole war, wo es rundherum dampfte, stampfte und lärmte. Überall gab es jeden Abend Anlässe, Musik, Kunst. Und ich genoss es, zu Hause zu sein, auf den Kuss der Muse zu warten und alles zu verpassen. Dieses Verpassen, ohne das Gefühl, etwas zu verpassen, das gefiel mir ganz besonders." 

Was das Verhältnis zu Kollegen betrifft, gestand schon Dürrenmatt: "Wenn ich schreibe, stört mich jeder andere Schriftsteller, auch Aristophanes, auch Shakespeare, alle. Ich beschäftige mich überhaupt immer weniger mit Literatur, ich mache leider selber welche, und im übrigen kommt Literatur nicht durch Beschäftigung mit Literatur zustande, sondern durchBewältigung von Welt." (FDG, Bd. 1, S. 119) 

Betrachtet man den Reichmuth'schen Zickzackkurs durch Welt und Leben, hat man den Eindruck, da wolle einer sich partout nicht be- und verhaften lassen, als sässe ihm der Dürrenmatt'sche Satz im Nacken: "Der Schweizer wird frei geboren, aber dann tritt er ins Geschäftsleben ein." (FDG, Bd. 1, S. 266) Reichmuth hat sich Mitte der Siebzigerjahre aus dem Geschäftsleben in die Welt des freien Künstlers katapultiert. Doch dort ist die Freiheit so gross, dass er öfters wie gelähmt ist: "Mir selbst Druck zu machen, das ist schwierig. Wenn ich es dann doch schaffe, habe ich ein Glücksgefühl." Aus diesem Grund sind ihm gelegentliche Aufträge durchaus lieb: Da kommt der Druck von aussen. Anlässlich von "Casanova" sagte Federico Fellini, am liebsten wäre ihm die Arbeitssituation eines Künstlers der Renaissance-Zeit, dem sein fürstlicher Arbeitgeber sagt: "Bis übermorgen hast du mein Porträt gemalt, sonst lass ich dir den Kopf abhauen." 

Das kann Reichmuth sehr viel besser verstehen als einen Künstler wie Bruno Weber, mit dem er einmal ins Gespräch kam: "Ich fragte ihn, warum er so wahnsinnig viel arbeite. Er sagte, er habe noch so viel zu tun. Er ist ja ungefähr gleich alt wie ich. Ihm reiche die Zeit bis zu seinem Tod nicht, um alles zu machen. Da kann ich nur staunen. Das kenne ich nicht. Ich habe keine Mission." 

Auf die Frage, ob er zu malen aufhören würde, wenn er plötzlich ganz viel Geld hätte, meint Giuseppe Reichmuth: "Ich würde weiterhin nicht malen, wie jetzt. Und ab und zu doch etwas malen, wie ich das jetzt tue." Man habe immer mal wieder vermutet, er sei so faul, weil er einen reichen Vater gehabt habe. Dem sei keineswegs so: "Ich bin nicht faul, weil ich reich, sondern weil ich tatsächlich faul bin. Wobei, 'Faulheit' ist das falsche Wort, es ist etwas anderes: Ich möchte mit mir eine gewisse Lebensqualität haben, mit mir zufrieden sein. Das weiterzumachen, was gefällt, was Erfolg hat, das ist kein Erlebnis mehr, sondern nur noch ein Ausführen, ein Vorwärtsarbeiten mit Blick aufs Geld, langweilig. Das ist kein Abenteuer mehr. Ich glaube, ich suche immer Abenteuer, Herausforderungen." 

Hier könnte man pathetisch werden und aus Goethes "Faust II" den Satz "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen", zitieren. Doch bei Reichmuth geht es nicht um strebendes Bemühen, sein Lieblingswort ist das schweizerdeutsche Wort "blöterle". Dessen offizielle Übersetzung ins Deutsche wäre "trödeln", aber während diesem Verb "Trödel", also "nutz loses Zeug, alter Kram", zugrunde liegt, steckt in "blöterle" das Wort "Blatere", also "Blase". Bei Reichmuth hat das Spiel mit Seifenblasen aber immer auch etwas mit Verweigerung zu tun im Sinne von "Jeder Zwecklos ist Widerstand", auch so ein Spruch der Zürcher Achtzigerbewegung. 

Doch da wir mit einem Zitat aus "Faust" angefangen, mit einem anderen beinah geendet und dazwischen sehr viel Dürrenmatt zitiert haben, drängt sich eine Abwandlung der Gretchen-Frage auf: "Giuseppe, wie hast du's mit dem Dürrenmatt?" 

Die erste Antwort lautet erwartungsgemäss: "Die 'Alte Dame'? Herrje, weiss ich doch nicht mehr." Dann aber fällt ihm ein, dass er mit achtzehn von seinem Lehrmeister Beny Olonetzky in Dürrenmatts "Physiker" mitgenommen wurde (Uraufführung: 21. Februar 1962 am Zürcher Schauspielhaus). "Das war mein erster Theaterbesuch überhaupt. Das hat mir sehr gefallen. Besonders das wunderbare Bühnenbild." Wir erinnern uns: Reichmuths Sprung aus dem Geschäftsleben in die Welt des freien Künstlers erfolgte durch sein Bühnenbild für das Badener Theater Claque.